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Jean: „Wenn sie auch sterben würden, wäre ich glücklich“

Jean sitzt mir mit ernstem Gesicht gegenüber, er wirkt entschlossen. Er sagt, er würde gerne an den Menschen Rache üben, die im Genozid seine Familie dezimiert hatten. Er glaube erst dann glücklich sein und innere Ruhe finden zu können, wenn er sich gerächt habe und die damaligen Täter tot seien. Er habe in den letzten Jahren oft und viel darüber nachgedacht, letztlich aber nichts unternommen.

Wir arbeiten an der Überzeugung „Wenn sie auch sterben würden, wäre ich glücklich“. Meine erste Frage, ob das wahr sei, beantwortet er mit „ja“. Auf meine zweite Frage bekomme ich lange keine Antwort. Schließlich sagt er, er könne nicht mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr sei. Seine Entschlossenheit ist gewichen, nun wirkt er verlegen. Er legt seinen Kopf schief und sieht mich unsicher an, dabei lächelt er ein wenig.

In der Folge erlebt er, wie sehr der Gedanke ihn quält. Er will die damaligen Täter umbringen, sie sind für ihn bereits tot. Obwohl in der Realität nichts geschehen ist, sieht er sich als Mörder und fühlt sich schrecklich dabei. Er fühlt sich körperlich nicht mehr als Mensch, sondern als Waffe. Er betrachtet sich als wahnsinnig, sagt, er habe nur ein Ziel. Wie eine Killermaschine, die von nichts und niemandem gestoppt werden kann.

Wenn dieser eine Gedanke also solche massiven Auswirkungen auf ihn hat, warum hält er bis heute daran fest? Ich frage ihn danach. Jean überlegt eine Weile und erkennt dann, dass diese Sichtweise einen scheinbaren Vorteil hat: sie gibt ihm die Illusion, sein Lebensglück kontrollieren zu können. Das Rezept ist denkbar einfach: „Wenn ich die damaligen Täter umbringe, bin ich glücklich“. Dass das ein fataler Irrtum ist, sollte er wenig später erkennen.

Jean sitzt mir nun gegenüber wie ein kleiner Junge, trotz seiner Worte hat er für mich mit einer Killermaschine nichts gemeinsam.

Er hat keine Mühe, sich für einen Moment ohne den Gedanken zu sehen. Nun erlebt er sich als völlig friedlich. Die Menschen, die er gerade eben noch als bereits tot gesehen hatte, sind nun gute Freunde für ihn. Er sagt, er sei sehr gläubig und würde er sein Leben ohne den Gedanken wie ein guter Christ leben.

Was für ein Unterschied! Mit dem Gedanken ist Jean einer unaufhaltsamen Killermaschine nahe, ohne den Gedanken ist er im Frieden und sieht die Menschen, die Angehörige seiner Familie getötet hatten, als gute Freunde.

Nun kehrt er den Gedanken um, zunächst zu „Wenn sie auch sterben würden, wäre ich unglücklich“. Ja, sagt er, dann könne er ins Gefängnis kommen. Er wäre dann ein Mörder und würde womöglich Selbstmord begehen weil er das nicht aushalten könne. Er würde sich fühlen wie ein wildes Tier. Er wäre dann ein Aussätziger der Gesellschaft. Alles das mache ihn unglücklich.

Bei der nächsten Umkehrung sieht er, was ihn glücklich macht: wenn die damaligen Täter leben. Er sagt, als er selbst vor einigen Jahren inhaftiert wurde habe er den ersten Schluck Milch von einem Mann bekommen, den er zuvor ins Gefängnis gebracht habe. Dafür sei er ihm bis heute dankbar. Zudem habe er einige gute und hilfsbereite Freunde, die damals im Genozid auf der Täterseite standen. Dies könne auch für die Menschen gelten, die seine Familie dezimiert hatten. Und schließlich fallen ihm die beiden Waisenkinder ein, deren Eltern Genozid-Täter waren und die heute harmonisch in seinem Familienverbund in seinem Haushalt leben.

Er erkennt, dass Überzeugungen wie die seinige über Rache die Menschen in Ruanda trennen. Stattdessen könne man Hand in Hand arbeiten und Ruanda in ein prosperierendes Land verwandeln. Er hängt dem Gedanken einen Moment nach, scheint ins Nichts zu starren. Dann sieht er wieder auf und bekräftigt, dies sei im Interesse aller Menschen in Ruanda der friedlichere und verträglichere Weg.

Zum Schluss zeigt ihm die letzte Umkehrung, dass es in seinem eigenen Leben Momente gegeben hat, wo er dachte sein Glück liege in seinem eigenen Tod. Als er selbst ins Gefängnis kam und dort all die Menschen traf, deren Inhaftierung er veranlasst hatte, wollte er nur noch sterben. So schmerzvoll seien diese Begegnungen gewesen. Im Kongo sei er körperlich misshandelt worden und habe keine medizinische Behandlung bekommen können um seine Wunden zu heilen. Da habe er sich nach dem Tod gesehnt. Und als Soldat habe er so sehr gelitten, dass er sein Leben aufgeben wollte.

Jean hat erkannt, dass Rache ihm nicht gut tut. Er fühlt sich in vielerlei Hinsicht schrecklich damit. Ich frage ihn nochmals nach der Überzeugung, mit der er ursprünglich zu mir gekommen war „Wenn sie auch sterben würden, wärst du glücklich. Ist das wahr?“. Jean sagt nun mit fester Stimme „Nein, absolut nicht!“. Dann lächelt er wieder verlegen wie ein kleiner Schuljunge, den man bei etwas ertappt hat.

Autor:

Mein Motto ist "Mens sana in corpore sano". Mein Ziel ist, die natürliche Balance und damit die Gesundheit eines Menschen wieder herzustellen. Dazu arbeite ich auf allen drei Ebenen Körper, Geist und Seele mit energetischen Heilmethoden.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. liebe christina,

    ich sitze hier mit tränen in den augen.

    danke. einfach nur danke.

    lg

    susanne

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  2. Liebe Eva,

    ja, diese Arbeit erfüllt mich sehr und ich möchte sie eines Tages fortsetzen.

    Vielen Dank für deine lieben Worte!

    Herzliche Grüße
    Christina

    Antworten

  3. Wunderschöner Artikel, tolle Arbeit, die Du gemacht hast.

    Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt.

    Viel Erfolg weiterhin und alles Liebe,
    Eva

    Antworten

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